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Inhalt 1/06

Editorial
Der dominante Modus deutschsprachiger Pädagogik im 20. Jahrhundert geht von Leitvorstellungen wie «Autonomie» oder «Emanzipation» aus, die Heteronomie oder Diskriminierung voraussetzen. Ziel ist das gegenüber den bedrohlichen Lebensumständen - dem Staat, der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft - gereifte, mündige, gebildete Subjekt, das in «seinem Wesen» nie Teil dieser Umwelt sein kann. Diese Vision erstaunt insofern, als dieser Modus in einem intellektuellen Kontext entwickelt wurde, der die «Nation» bzw. die «Volksgemeinschaft» als «unsichtbare Kirche» (Wilhelm Flitner) voraussetzte, der gegenüber sich Erziehung zu verantworten hatte. Tomas Kasper zeigt in seinem Themenbeitrag Erziehung zur sudetendeutschen Einheit - ein politisches Instrument der sudetendeutschen Jugendbewegung, welche Rolle (deutsche) «Volksgemeinschaft» und «Nation» für die vom Deutschen Reich ausgeschlossenen Sudetendeutschen spielte und wie Erziehung zur sudetendeutschen Einheit zum politischen Instrument wurde, dessen sich auch Erziehungstheoretiker wie Rudolf Lochner bedienten.
Jenseits des Atlantiks wurde in dieser Zeit nicht Nation oder Volk pädagogisch angestrebt noch Erziehung fernab vom Lebenskontext propagiert, sondern die Frage diskutiert, welche Rolle Erziehung in einer Demokratie zu spielen habe. Jürgen Oelkers stellt dabei die These auf, dass in dieser Diskussion zwei reformerische «Paradigmen» gegeneinander ausgespielt wurden, nämlich die Orientierung am Kind, also Vorstellungen «kindgerechter Erziehung» auf der einen Seite, und die Orientierung am Lehrplan bzw. der Leistung auf der anderen Seite. Die Pointe liegt darin, dass diese beiden Reformprogramme weder aufeinander zurückführbar noch vermeidbar seien; moderne Erziehung resultiere notwendigerweise aus dieser Spannung. Die These wird von Forscherinnen und Forschern aus England, den USA und Australien kommentiert.
Die Frage nach der Modernität der Erziehung setzt in der Regel die Überwindung religiöser Modelle voraus, insbesondere den Rückzug der vielfältigen Frömmigkeitsbewegungen aus der Diskussion. Diese Voraussetzung beinhaltet oft die Vermutung, Religiosität sei prinzipiell anti-modern gewesen. Wie der Beitrag in der Rubrik «Dokument» Religion and Rationality: Quaker Women and Science Education 1790-1850 von Camilla Leach zeigt, stimmt diese Annahme gerade für die Quäker nicht, die sich gegenüber den Naturwissenschaften sehr aufgeschlossen zeigten, wie am Beispiel der beiden Quäkerinnen Priscilla Wakefield (1751-1832) und Maria Hack (1777-1844) demonstriert wird. Der Beitrag verweist dabei gleichzeitig auf die grosse Bedeutung der theologischen Debatten im 18. und frühen 19. Jahrhundert für die historische Bildungsforschung, die bislang zu wenig Beachtung gefunden haben.
Ebenfalls unter die Rubrik «zu wenig Beachtung gefunden» ist der Aufsatz von Sam George zu stellen, die auf eine eigentümliche Vermengung von Botanik und Weiblichkeit im 18. Jahrhundert hinweist. Viele der im 18. Jahrhundert kursierenden botanischen Texte waren augenscheinlich auf Frauen ausgerichtet, wobei die auf Reproduktion, Sexualität, Erfahrung und Wissenschaft, Klassifikation und Ordnung, Introspektion und Öffentlichkeit fokussierte der Botanik unauflösbar mit Vorstellungen vom intellektuellen und moralischen Vermögen sowie der sozialen Rolle von Frauen verbunden war. Ausgangspunkt der Darstellung sind Erziehungsvorschläge, die Jean-Jacques Rousseau 1771-1773 in den Lettres elementaires sur la botanique machte, die er eigens für die Erziehung von Marguerite-Madelaine (1767-1839), Tochter seiner Freundin Madame Madeleine-Catherine Delessert (1747-1816) verfasst hatte; Briefe, die als Monographie 1781 in deutscher und 1785 in englischer Sprache erschienen und deren Rezeptionsgeschichte noch zuwenig aufgearbeitet ist.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009