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Die pädagogische Historiographie ist ein Kind des 19. Jahrhunderts und hat sich im Verlauf der Zeit in den verschiedenen nationalen Wissenschaftskulturen sehr unterschiedlich entwickelt – nicht selten jedoch trägt sie die Insignien der nationalpädagogischen Orientierung aus ihrer Ursprungszeit noch immer mit sich. Ein Mittel gegen diese wenig überzeugende Praxis ist das, was unter «Internationalisierung» begriffen wird, das heisst zum einen Quellen aus anderen kulturellen Kontexten zu befragen, zum anderen, unbekannte Quellen aus der eigenen Geschichte anzuerkennen, die bisher vom Kanon ausgeschlossen wurden. Beide Zugänge finden sich in jeweils einer der Rubriken «Thema» und «Diskussion».
Im Sinne der «Internationalisierung» wird eine These zur Diskussion gestellt, die sich um das Phänomen «Lehrerpersönlichkeit» dreht. Die These von Sylvia Bürkler, Moritz Rosenmund und Christoph Schmid geht davon aus, dass die nicht zufällig undurchsichtige semantische Gestalt der «Lehrerpersönlichkeit» in jeweils ganz spezifischen Kontexten an Attraktion gewinnt, so vor allem in Deutschland um 1900 und dann auch in jüngster Zeit wieder, wenn die Orientierung an der output-Steuerung des Schulsystems kritisiert wird. In der Diskussion wird weniger die Stringenz der These diskutiert, sondern zur Frage Stellung genommen, ob dieses Phänomen ausschliesslich auf Deutschland, bzw. die deutschsprachige Diskussion beschränkt ist oder gewissermassen «automatisch» zum Vokabular des Schulfeldes gehört. Forscherinnen und Forscher aus Argentinien, den USA, Finnland, England, Japan und der Westschweiz geben Auskunft über die je eigene Tradition. Um die so genannte Aufklärungspädagogik ist es in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Gründen eher etwas ruhiger geworden, nicht zuletzt deswegen, weil die historiographische Konstruktion, mit Rousseaus Émile 1762 beginne die moderne Pädagogik, die von einer alten deutlich unterscheidbar sei, sich in vielerlei Hinsicht als unhaltbar erwiesen hat. Weil historische Konstruktionen stets auf kanonisierte Texte verweisen und umgekehrt, drängt es sich auf, unbekannt gebliebene Texte zu befragen, was Rita Casale in ihrem Themenbeitrag am Beispiel Johann Heinrich Campes unternimmt. Es gelingt ihr, anhand einer Begriffsanalyse zweier früher Schriften Campes nachzuweisen, welche Bedeutung sowohl der rhetorischen Tradition als auch der Ästhetik für die Aufklärungspädagogik im ausgehenden 18. Jahrhundert zukommt – Traditionslinien, die bisher unberücksichtigt geblieben sind und Verengungen in der Rezeption aufbrechen. Der Beitrag von Fritz Osterwalder am Schluss dieser Nummer verweist auf die longue durée von Ideen. Er kommentiert ein äusserst bemerkenswertes Schulbuch aus dem Jahre 1581 vor dem Hintergrund einer internationalen Diskussion über die Frage, wie umfassend das Erbe des Augustinismus für das moderne pädagogische und politische Denken zu veranschlagen ist und welche Rolle alternativen Sprachen wie dem klassischen Republikanismus bzw. dem Bürgerhumanismus zugeschrieben werden kann. Ebenfalls zum Stichwort «neue Blicke auf die eigene Geschichte» gehören zwei Beiträge in der Rubrik «Aus der Forschung». Anja Richter zeigt am Beispiel der Schulfeiern als eine kulturelle Tradition im Raum Sachsen auf, dass die Schulgeschichtsschreibung Deutschlands nicht wie bis anhin auf Preussen alleine beschränkt werden darf und welche Erkenntnisse wir gewinnen können, wenn bisher vernachlässigte Themen erforscht werden. Das Label «Dekonstruktion» könnte man dem Beitrag von Silvia Bolliger verleihen, die untersucht, inwiefern die ausserordentlich frühe Zulassungspraxis von Frauen an die Universität Zürich auch tatsächlich, wie immer behauptet wurde, auf die Liberalität der Zürcher Professorenschaft verweist. Und im dritten Beitrag dieser Rubrik reflektiert Martin Rothland – anlässlich einer Jubiläumsschrift zum 40jährigen Bestehen der DGfE – über die historiographischen Probleme bei der Rekonstruktion der Bedeutung von Fachgesellschaften für die Disziplinentwicklung.
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