English Deutsch PHZH Home Kontakt
www.phzh.ch > IHBF > Zeitschrift (ZpH) > Zeitschrift für pädagogische Historiographie > Inhalt 1/98

Inhalt 1/98

Editorial
Zwar ist sich die offizielle Schweiz noch immer nicht ganz einig, was es in diesem Jahr 1998 zu feiern gilt: 200 Jahre Helvetische Republik oder 150 Jahre Bundesstaat.
Für die schweizerische (schul-)pädagogische Diskussion sind beide Daten von grosser Wichtigkeit. In der Helvetischen Republik wird versucht, die zahlreichen lokalen Schulreformen unter neuen politischen Rahmenbedingungen zu vereinheitlichen und einem System unterzuordnen, während der Bundesstaat Ausdruck jener liberalen Bewegung ist, die in der Helvetik ihren Anfang genommen und die an der Etablierung der schweizerischen Volksschule massgeblichen Anteil hatte. Mit anderen Worten: aus schulgeschichtlicher Sicht besteht zwischen 1798 und 1848 keine Alternative, sondern durchaus Kontinuität.
Es ist hinlänglich bekannt, dass Pestalozzi in der Zeit der Helvetik «zum Pädagogen wurde», in ihre schulreformerische Diskussion und Praxis hineingeriet und bald einmal zum massgeblichen Exponenten von Lehrerbildung und Lernmethodik emporstieg. Diesen Ehrenplatz konnte Pestalozzi weit über die Helvetik hinaus behalten und so weit potenzieren, dass er in der pädagogischen Historiographie bald als «Begründer der Volksschule» transportiert wurde.
Wir wissen inzwischen, dass diese Deutung unrichtig ist. Weniger bekannt ist, was und wie sich denn in der Helvetik (und vor und nach ihr) rund um (Schul-)Pädagogik abgespielt und welche Rolle Pestalozzi eingenommen hat. Auffallend ist, dass seit jeher politische Revolutionen oder allgemeiner gesagt Krisen einschneidende pädagogische bzw. schulpädagogische Konsequenzen hatten – denken wir in diesem Jahrhundert an den «kommunistischen Menschen», den die osteuropäischen Staaten durch ihr Schulwesen und ihre Jugendorganisationen hervorzubringen hatten; denken wir aber auch an die pädagogischen Konzepte des Nationalsozialismus oder an jene der sogenannten «geistigen Landesverteidigung».
Es ist evident: spezifische historische Rahmenbedingungen erzeugen spezifischen pädagogischen Handlungsbedarf. Die Lösung des Problems ist dabei nicht nur struktureller, konzeptioneller Art, sondern auch personalpolitischer Art. Wen betraut man mit welcher Aufgabe und warum? Und wie löst diese Person die ihm gestellte Aufgabe? Wie verändert sie sich unter wechselnden Bedingungen?
Diesen Fragen will diese erste Nummer 1998 nachgehen; sie ist in gewissem Sinne thematisch einheitlich. Sie zeigt in der Rubrik «Thema» auf, wie sich Pestalozzi im Vorfeld der Helvetischen Revolution in den «Nachforschungen» und den «Fabeln» sozialphilosophischen Problemen seiner Zeit stellt und untersucht speziell die Relationen beider Publikationen aus dem Jahre 1797. Danach möchte sie am Beispiel der Helvetik und der Gründung des Bundesstaates das prinzipielle Strukturproblem politischer «Revolutionen» diskutieren, und zeigen, welchen pädagogischen Konsequenzen sie nach sich zogen und welche prinzipiellen Probleme sie erzeugten – und welche Rolle Pestalozzi während der Helvetik spielte. Die Helvetik ist auch der Zeitpunkt, in dem es zur langjährigen, aber nicht unproblematischen Zusammenarbeit des jungen Theologen Johannes Niederer mit Pestalozzi kommt. Niederer war es massgeblich, der Pestalozzi nach Ende der Helvetik in die reformpädagogische Diskussion im Umfeld des Deutschen Idealismus brachte – und der Streit besteht noch bis in die Gegenwart, ob Niederer der egoistische Verführer oder der kongeniale Interpret Pestalozzis ist, der es verstanden hat, die unreflektierte Pädagogik Pestalozzis in ein philosophisches System einzufügen. In der Rubrik «Dokument» wird versucht, anhand zweier Briefe Niederers an seine Familie aus dem Jahre 1801 zu rekonstruieren, welche Motive ihn zu Pestalozzi geführt haben um damit ein Vorverständnis zu erzeugen, das es erlauben soll, die späteren Konflikte zwischen den beiden besser verständlich zu machen.
Niederer hat, wie immer man seine Person einschätzen mag, massgeblichen Erfolg an der publizistischen Wirkung Pestalozzis nach 1805 und spielt dadurch in der Wirkungsgeschichte Pestalozzis eine wichtige Rolle. Bekanntlich war dieser  Aspekt der Pestalozzi-Forschung in den vergangenen Jahren einer der bevorzugtesten Forschungsfelder. Das hat in der letzten Nummer der Neuen Pestalozzi-Blätter zur Frage geführt, wie man eigentlich Wirkungsgeschichte erforscht, was ihre theoretischen und methodischen Grundsätze sind. Diese Frage wird in der Rubrik «Diskussion» weiter erörtert in der Hoffnung, dass die Diskussion um das Problem nicht bereits erschöpft, sondern erst richtig eröffnet ist.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009