Aus der Forschung
Obgleich Pestalozzi stets als Begründer der modernen Pädagogik gehandelt oder bestritten wurde, fehlte es in den letzten Jahren an einschlägigen Publikationen zu diesem Thema. Weder Pestalozzis Pädagogik noch seine schulpädagogischen Konzepte standen im Mittelpunkt der Publikationen – geschweige denn das schwierige Thema des Verhältnisses seiner Pädagogik zu seiner Schulpädagogik, bzw. seiner «ganzheitlichen» Wohnstubenpädagogik zu seiner «mechanischen Methode».
Eines dieser Themen – Pestalozzis Schulpädagogik – wird in der Nummer 3/97 der Zeitschrift «Beiträge zur Lehrerbildung» (BzL) ausführlich behandelt, die vom Redaktor Kurt Reusser mit dem Gastredaktor Fritz Osterwalder zusammengestellt wurde.
Im ersten Artikel untersucht Daniel Tröhler die Lehrerbildungskonzepte innerhalb der Helvetik (1798-1803) und zeigt, wie Pestalozzis Methodenversprechungen politische Protektion zur Folge hatten. Dabei weist er auf ein Problem hin, das sowohl in Stapfers als auch in Pestalozzis pädagogischen Konzepten steckt: der Wunsch, in der Schule sowohl (moralisch) erziehen als auch rational Wissen vermitteln zu können.
Der zweite Artikel von Osterwalder/Reusser befasst sich ausführlich mit Pestalozzis «Methode» in ihrer Doppelschichtigkeit von religiöser Moralität und empirischer Psychologie. Er geht dabei sowohl auf die Idealvorstellungen Pestalozzis ein als auch auf die reale Praxis des Unterrichts in Burgdorf, und bringt dazu einen umfangreichen zeitgenössischen Quellenteil zum Abdruck.
Im dritten Artikel untersucht Heinz-Elmar Tenorth die Wirkungen Pestalozzis auf die berufsethischen Forderungen der deutschen Lehrerschaft im 19. Jahrhundert, und weist dabei nach, dass das besonders im «Stanser Brief» zum Ausdruck kommende Aufopferungspathos bis hin zu Hartmut von Hentigs Sokratischem Eid, den er von jeder Lehrerin und jedem Lehrer abzuverlangen vorschlägt, wirkt.
Im vierten Artikel geht Hans Gehrig der Frage nach, wie weit bei den schweizerischen Seminardirektoren des 19. und 20. Jahrhunderts ein Kontinuum Pestalozzi nachzuweisen ist und macht eine solche Wirkung – ohne von einem flächendeckenden Einfluss zu sprechen – für einige wichtige Exponenten einsichtig.
Neben diesen Artikeln beschreibt Daniel Winter den Pestalozzikult im Pestalozzijahr 1896, Toshiko Ito den Einfluss des Pestalozzianismus in der japanischen Lehrerbildung nach 1875, und Max Furrer präsentiert die CD-ROM der Werke und Briefe Pestalozzis.
Die
Nummer 3/97 der BzL kann unter folgender Adresse bezogen werden:
Universität Zürich
Pädagogisches Institut
Christine Hartmann
Rämistrasse 74
8001 Zürich
Universität Zürich
Pädagogisches Institut
Christine Hartmann
Rämistrasse 74
8001 Zürich
Sehr oft wird es von schulpädagogisch interessierten Touristen oder von neugierigen Schulpraktikern besucht, und doch ist es in der wissenschaftlichen Diskussion wenig bekannt: das von Jacqueline Cornaz-Besson 1977 anlässlich von Pestalozzis 150. Todestag gegründete «Centre de documentation et de recherche Pestalozzi» in Yverdon-les-Bains.
Dieses wissenschaftliche Abseits-stehen hat weniger mit dem Fehlen einer Universität in Yverdon-les-Bains zu tun, als vielmehr damit, dass die französische pädagogische Tradition – seit den Zeiten Pestalozzis – von völlig anderen Voraussetzungen ausgeht als die vom Idealismus dominierte deutschsprachige Tradition und sich dementsprechend anders entwickelt hat.
Ausdruck dieser Tatsache ist, dass Pestalozzi im frankophonen Raum generell kaum bekannt ist – es gibt wesentlich mehr chinesische oder japanische Übersetzungen von Pestalozzis Texten als französische!
Das Centre unter der Leitung von Cornaz-Besson (bis 1987) und dann von Françoise Waridel (bis 1997) versuchte zwar, durch einzelne (ausgezeichnete) Übersetzungen von Michel Soëtard Pestalozzi vermehrt ins Bewusstsein der wissenschaftlichen pädagogischen Diskussion in den frankophonen Gebieten zu bringen, aber es zeigte sich immer wieder, dass der institutionelle Hintergrund für die Etablierung einer solchen Diskussion zu schwach war.
Diese Tatsachen führten 1997 zu einer wesentlichen Modifikation der Statuten, die nun einen «Conseil scientifique» vorsehen, der die wissenschaftliche Verbreitung und Diskussion Pestalozzis im Kontext der sich etablierenden modernen Pädagogik um 1800 inaugurieren soll.
Als vordringlichste Aufgabe hat der Conseil erkannt, dass zunächst weitere wichtige Texte Pestalozzis übersetzt und kommentiert werden sollen. Aufgrund dieser Texte sollen dann an den Universitäten Lehrveranstaltungen durchgeführt und später Kolloquien organisiert werden, um Pestalozzi im Kontext der Entstehung der modernen Pädagogik zu diskutieren. Angesichts der Andersartigkeit französischer Pädagogik sind dadurch auch für die deutschsprachige pädagogische Historiographie wichtige inhaltliche Gewinne zu erwarten.
Eröffnet wurde die erste Zusammenkunft des Conseils im Dezember 1997 vom neuen Präsidenten des Centre, Jean-Jacques Allison. Präsidiert wurde sie vom Doyen der frankophonen Pestalozzi-Forschung, Michel Soëtard (Université Catholique de l'Ouest in Angers). Die weiteren Mitglieder sind: Jean-Christophe Bouquin (Präsident der 63743; der SGBF), Pierre Philippe Bugnard (Université Fribourg), Loïc Chalmel (l'Institut Universitaire de Formation des Maîtres d'Alsace), Rita Hofstetter (Université Genève), Martine Ruchat (Université Neuchâtel), Daniel Tröhler (Pestalozzianum Zürich/Universität Zürich) und die Koordinatorin Lisiane Berney (Centre de documentation et de recherche Pestalozzi).
Nähere Auskunft erteilt (zweisprachig):
Centre de documentation et de recherche Pestalozzi
Château d'Yverdon
1401 Yverdons-les-Bains.
Centre de documentation et de recherche Pestalozzi
Château d'Yverdon
1401 Yverdons-les-Bains.
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