English Deutsch PHZH Home Kontakt
www.phzh.ch > IHBF > Zeitschrift (ZpH) > Zeitschrift für pädagogische Historiographie > Inhalt 1/99

Inhalt 1/99

Editorial
Die Debatten in den letzten Nummern der «Neuen Pestalozzi-Blätter» um Probleme der Wirkungsgeschichte und der pädagogischen Historiographie wurden unter anderem von dem mehr oder weniger expliziten Vorwurf Fritz Osterwalders begleitet (und geleitet), dass die nicht-empirische Pädagogik sich ihrer theologischen Wurzeln nicht habe befreien können und in diesem Sinne nicht Wissenschaft, sondern Bekenntnis sei. Das Problem sei nicht nur auf die pädagogische Diskussion im 19. Jahrhundert zu beziehen, sondern wirke sich bis zur Gegenwart aus. Die Redaktion hat Osterwalder gebeten, seine Thesen in einem eigenen Artikel zu begründen. Zusätzlich wurden verschiedene ErziehungswissenschafterInnen gebeten, diese Thesen kritisch zu kommentieren – ihre Stellungnahmen werden in der Herbst-Nummer veröffentlicht.
Die beiden Themenbeiträge von Juliane Jacobi und Heide von Felden gehen wie Osterwalder von Rousseau aus. Der erste Beitrag von Jacobi zielt auf eine Debatte im Anschluss an Rousseau, jener von Feldens auf die Rezeption Rousseaus.
Jacobi situiert ihren Beitrag im Kontext der Entwicklung der Anthropologie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und zielt dabei auf das Problem der differenzierten aufgaben von Vätern und Müttern in der Kindererziehung, das in der Literatur seit dem «Emile» ein eigenes Thema geworden ist. Pestalozzis «Mutterpädagogik» drängt sich für diese Rekonstruktion auf, zumal er vom damals populärsten Erziehungstheoretiker Deutschlands, August Hermann Niemeyer, gerade in dieser Hinsicht kritisiert wurde. Liest man den Hintergrund dieser Kontroverse mit Osterwalders Thesen, lassen sich dahinter durchaus verschiedene religiöse und entsprechende moralpädagogische Konzepte verorten. Verfolgt man sie nach pädagogischen Kategorien, so stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Erziehung und Unterricht, von Moral und Wissen.
Einige Probleme der Rousseau-Forschung sind jenen der Pestalozzi-Forschung ähnlich, insbesondere was die Rezeptionsforschung betrifft. So gilt Rousseau zum einen seit langem und bis zum heutigen Tag als «Erfinder» moderner Kindheit und damit als Ahnvater moderner Erziehungswissenschaft (die Formulierungen mögen variieren), zum anderen wurde er in den 80er-jahren von der feministischen Forschung zum Unterdrücker der Frauen stilisiert. Von Felden geht in ihrem Beitrag der Frage nach, inwiefern sich diese These zur Rolle Rousseaus in der Geschichte der Frauenunterdrückung historisch legitimieren lasse und untersucht zu diesem Zweck die Rousseau-Rezeption zeitgenössischer Frauen in Deutschland. Sie kann dabei nachweisen, dass in der Rezeption das Geschlechterverhältnis kaum ein Thema war und dass die Frauen ein durchaus differenziertes Verhältnis zu Rousseau haben konnten. Die mehrheitlich positive Rezeption Rousseaus hänge auch mit selektiven Wahrnehmungen zusammen und bedeute gerade nicht, dass sich die Frauen gegen die Emanzipation ihres Geschlechte stellten.
Die beiden Themenbeiträge benutzen sowohl öffentliche Medien wie Bücher als auch private Korrespondenz als Quellen. Insbesondere das Einbeziehen von Briefen als eigenständige und wichtige Quelle historischer Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt, was sich wiederum in den fast zahllosen Projekten von Briefeditionen ausdrückt, die gegenwärtig bearbeitet werden. Das gilt auch für die Pestalozzi-Forschung. Zwar gilt die Briefreihe Pestalozzis als abgeschlossen und die editorische Arbeit konzentriert sich auf die Briefe an ihn. Dennoch finden sich noch immer weitere Briefe von ihm - zuletzt 18, die grösstenteils unbekannt waren. Nach der textkritischen Edition in den «Neuen Pestalozzi-Studien» stellt sich die Frage nach ihrer Bedeutung - einer erste Interpretation legt hier Rebekka Horlacher vor.
Zuletzt noch eine Bemerkung in eigener Sache. Wie Sie festgestellt haben, wurde der Titel und die Grafik des Umschlags unserer Zeitschrift verändert. Damit wollen wir der Tatsache Rechnung tragen, dass sich die Zeitschrift in den letzten Nummern – ausgehend von Pestalozzi – immer stärker der Frage zugewendet hat, was denn die pädagogische Historiographie überhaupt sinnvollerweise sei, wie man sie zu betreiben habe und welches allfällige Resultat einer «erneuten» Historiographie sein könnten. Diese Diskussion möchte die Redaktion weiterhin anregen und weiterführen.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009