English Deutsch PH Zürich Home Kontakt
www.phzh.ch > IHBF > Zeitschrift (ZpH) > Zeitschrift für pädagogische Historiographie > Inhalt 2/99

Inhalt 2/99

Editorial
Um 1800 wurden die ersten Anzeichen eines modernen Schulsystems im westlichen Europa sichtbar. Vor allem die beiden revolutionären Länder Frankreich und Schweiz - später mit gewissen (politisch bedingten) Abstrichen Preussen - reformierten ihr Schulsystem, das im Verlauf des 19. Jahrhunderts, sich auf vier Pfeiler stützend, etabliert wurde: Allgemeine Schulpflicht, Laizität, Unentgeltlichkeit, Professionalität. Dieser Prozess war keineswegs unbestritten, wesentlich weniger linear, als sich Schulgeschichten wünschen möchten, und dennoch unnachahmlich erfolgreich.
Es ist gut möglich, dass dieser Erfolg - eine noch immer existierende breite politische und gesellschaftliche Akzeptanz des Systems trotz seiner riesigen Kosten - gerade damit zusammenhängt, dass der Verlauf der Etablierung von unterschiedlichen Interessen und Konzepten geprägt wurde. Das zeigt sich nicht zuletzt an der reformpädagogischen Anfälligkeit der Lehrkräfte. Beliebtestes Ziel der Kritik ist die sogenannte «Kopfschule», dem auf der anderen Seite die Programmatik der «Menschenbildung», der «Ganzheitlichkeit», der «Pädagogik vom Kinde aus» oder eben der «Selbsttätigkeit» entspricht.
Jürgen Oelkers zeigt in seinem Artikel, dass diese Debatte weder neu noch originell ist, sondern bereits im 18. Jahrhundert vorgezeichnet wird und während der ganzen weiteren Entwicklung eine wichtige Rolle spielt. Die wichtigste Quelle der Schulkritik ist nach seinen Ausführungen bei Rousseau in doppelter Hinsicht zu finden: einmal als Ideologie gegen die Schule als Institution überhaupt, dann als Hort für Reformargumente innerhalb der Schule. Oelkers weist nach, dass in den innerschulischen Reformbestrebungen, die im Terminus der «Selbsttätigkeit» kulminieren, Rousseaus antischulische Argumente mit der Rhetorik des Idealismus verbunden wurden, was zur Auffassung geführt habe, Schule sei der Ort einer umfassenden «Menschenbildung». Diese Rhetorik sei, so Oelkers, deshalb möglich gewesen, weil sie von Inhalten absehe und die Frage nach den Schulfächern übergehe, während real die Verfachlichung der Volksschule den Hauptanteil am Prozess ausgemacht habe. Diese Gleichzeitigkeit von idealisierender Rhetorik und realer Praxis müsse deswegen kritisiert werden, weil der pädagogische Idealismus die tatsächlichen Aufgaben und Erfolge der Schule verdunkle.
Ein analoges Problem wird in dieser Nummer diskutiert. In der vorangegangenen Nummer der «Neuen Pestalozzi-Blätter/Zeitschrift für pädagogische Historiographie» hatte Fritz Osterwalder die These entwickelt, dass - (auch) ausgehend von Rousseau - die Pädagogik noch heute eher Bekenntnis als Wissenschaft sei. Diese These legte die Redaktion drei Vertreterinnen und Vertretern der Disziplin zur Kommentierung vor. Heide von Felden argumentiert, dass das Anliegen Osterwalders als solches zwar berechtigt sei, er selber aber die Geschichte (zu) stark vereinfache - sowohl historisch als auch systematisch. Heinz-Elmar Tenorth anerkennt ebenfalls Osterwalders Anliegen, glaubt aber, dass in der Zwischenzeit die Problematik längst erkannt sei. Prospektiv erwartet er, dass durch die Anerkennung der Differenz von Pädagogik und Erziehungswissenschaft die Situation der Akteure der pädagogischen Praxis wissenschaftlich in der Art berücksichtigt werde, dass ein «gesunder Dogmatismus» als berechtigt anerkannt werden kann. Michel Soëtard glaubt, dass Osterwalders Rousseau-Lektüre in dem Sinne unvollständig sei, weil der Genfer sowohl das (natur-)wissenschaftliche Ideal als auch das Bekenntnis als Pfeiler der Pädagogik verstanden habe und damit dem paradoxalen Charakter des pädagogischen Wissens mehr entspreche als ein Wissen, das in sich szientistische Einheitlichkeit suche. Der Glaube an die Veredlung des Menschen sei mit der pädagogischen Praxis immanent verknüpft, aber einem positivistischen Wissensverständnis unerreichbar. Die verschiedenen und teilweise entgegengesetzten Argumente der drei Kommentare zeigen, dass immerhin ein Element moderner Wissenschaft erfüllt ist: die Diskussion über den Austausch von Argumenten. Diesem Anliegen fühlt sich diese Zeitschrift in erster Linie verpflichtet.

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 1/2010

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809