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Die Literaturwissenschaft und die Pädagogik sind als universitäre Disziplinen streng getrennte Gebiete. Diese Trennung entspricht aber, wie die These Petra Kortes im ersten Themenbeitrag lautet, kaum der wirklichen Beziehung von Literatur und Pädagogik, die insbesondere im 18. Jahrhundert sehr eng gewesen ist. Gerade in der Zeit vor der Etablierung der Pädagogik als Wissenschaft im 19. Jahrhundert wurde der pädagogische Diskurs im Medium der Literatur geführt, wobei, so Korte, der pädagogische Habitus vieler Literaten bzw. die literarische Praxis vieler Pädagogen dazu geführt habe, sowohl Literatur zu pädagogischen Zwecken zu verwenden, als auch Literatur zu misstrauen, die nicht der moralischen oder anderweitigen Verbesserung der Menschen diesen wollte.
Dieser im 18. Jahrhundert sich etablierende pädagogische Diskurs fand, insbesondere in Deutschland, auf dem Hintergrund eines Spannungsfeldes von wissenschaftlicher Aufklärung und Religion statt. Anke te Heesen weist in ihrem Beitrag in der Rubrik «Dokument» anhand einer 1784 erschienenen Bildenzyklopädie für Kinder und Jugendliche nach, wie Pädagogen versuchen, ihre moderne Lebenswelt den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, ohne die religiösen Grundlagen zu übergehen. Ganz im Gegenteil wird inhaltlich die historische Entwicklung letztlich auf die biblische Geschichte zurückgeführt, während didaktisch die modernen wahrnehmungspsychologischen Erkenntnisse letztlich mit einer universalen, d.h. religiösen «Ordo»-Vorstellung verbunden werden: Wissen und Glauben sind gleichzeitig und widerspruchsfrei zu vermitteln.
Die intensiven Forschungen in den letzten Jahren zu Pestalozzis philosophischem Hauptwerk, den «Nachforschungen» (1797), haben gezeigt, dass sie auch vor diesem Spannungshintergrund gelesen werden können. Der zweite Themenbeitrag von Michael Winkler versucht, vom gegenwärtigen Forschungsstande ausgehend, die These zu belegen, dass sich die «Nachforschungen» als wesentlicher Beitrag zur Theorie moderner Subjektivität (und damit moderner Pädagogik) lesen lassen und stellt so einen bislang eher wenig berücksichtigten Aspekt dieses Werkes zur Diskussion.
Die Rubrik «Diskussion» setzt die Auseinandersetzung zur Frage nach der Rolle der Klassiker bzw. der Geschichte für die gegenwärtige sozialpädagogische Theoriebildung: In der Nummer 1/2000 hatte Reinhard Fatke die These vertreten, die Sozialpädagogik täte gut daran, sich wieder im Sinne Natorps an Klassikern wie Pestalozzi zu orientieren, und Martin Graf hatte moniert, dass das Problem der Sozialpädagogik in einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Legitimationsdefizit liege. Die Redaktion hat nun verschiedene Exponent/innen der Sozialpädagogik gebeten, sich grundsätzlich zum aufgeworfenen Thema zu äussern und Thesen zu formulieren, welchen Stellenwert Geschichte bzw. Klassiker für die Theoriebildung einnehmen können – in der Mehrheit der Beiträge steht allerdings die Kommentierung der Thesen Fatkes und Grafs im Mittelpunkt; ein Indiz dafür, dass die Diskussion weitergeführt werden soll.
Noch eine Schlussbemerkung in eigener Sache: Die «Neuen Pestalozzi-Blätter» wurden 1995 im Vorfeld des Pestalozzi-Gedenkjahres auf Initiative des damaligen Direktors des Pestalozzianum in Zürich, Hans Gehrig, gegründet. Der Titel der Zeitschrift verwies auf die Tradition des Pestalozzianums, eine Publikation im Zusammenhang mit der Pestalozzi-Forschung herauszugeben. Die Diskussion um Pestalozzi im Gedenkjahr und auch später zeigten jedoch, dass die historiographische Entwicklung auch der Pädagogik vermehrt kontextuell ausgerichtet ist und so die Konzentration auf eine Person und ihr Umfeld nur schwer legitimierbar macht. Das war der Grund, weshalb dem Periodikum 1999 ein Untertitel beigefügt wurde: «Zeitschrift für pädagogische Historiographie». Weiterführende Überlegungen und eine vertiefte Zusammenarbeit des Pestalozzianums mit der Universität Zürich führten zur Ausdehnung des Themenfeldes und dazu, den Untertitel neu zum Haupttitel zu machen. Im gleichen Zug wurden die Strukturen der Herausgeberschaft und die Zusammensetzung der Redaktion verändert – ohne von den festgelegten Leitlinien der Zeitschrift, eine kritische Diskussion innerhalb der pädagogischen Historiographie zu führen, abzurücken. Dieser Wandel zielt im Wesentlichen darauf, die bisher verfolgten Ziele auf einem breiteren Feld weiterzuführen und auszubauen.
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