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Inhalt 1/01

Editorial
Mit dem in der letzten Nummer angekündigten Wechsel in der Redaktion und des Titels ändern sich auch die thematischen Schwerpunkte der vorliegenden Zeitschrift. Als «Zeitschrift für pädagogische Historiographie» (ZpH) öffnet sie den Fokus gegenüber der früheren Konzentration auf Pestalozzi und dessen Kontext auf weitere zentrale Themen der Geschichtsschreibung der Pädagogik. Diese Neuorientierung umfasst sowohl metatheoretische Probleme der Historiographie als auch die materielle Diskussion konkreter Fragen. Die Themenfelder liegen in der Wissenschafts- und Bildungsgeschichte seit der Renaissance, der generellen westeuropäischen Entwicklung vom Ende des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts mit Bezug auf Bildungs- und Erziehungsfragen, in der insbesondere schweizerischen Schulentwicklung im 19. Jahrhundert, in der Re- und Dekonstruktion reformpädagogischer Rhetorik und Sakralisierung der Kindheit vorwiegend im 20. Jahrhundert und, in metatheoretische Sicht, in den Diskussionen über die Geschichtsschreibung als solche.
Die Ausrichtung der historiographischen Forschungen, die in der ZpH veröffentlicht werden, versteht sich gegenüber der Tradition als weniger pädagogisierend und moralisierend und favorisiert einen kontextualisierende Zugang. Geleitet von der Überzeugung, dass Wissenschaft diskursiv ist, wird kontroversen Diskussionen ein breiter Raum verschafft. Die Arbeit der Redaktion wird von einem Editorial Board begleitet: Prof. Dr. Marc Depaepe (Universität Gent, Belgien). Prof. Dr. Marjorie Lamberti (Middlebury-University, Vermont, USA), Prof. Dr. Claudia Opitz (Universität Basel, Schweiz) und Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth (Humboldt-Universität Berlin, Deutschland).
Im programmatisch ausgerichteten Thementeil dieser Nummer stellt Jürgen Oelkers vor, wie die traditionelle Trennung von Sozial- und Ideengeschichte unter einem neuen Verständnis einer history of ideas überwunden werden kann, während Daniel Tröhler, inspiriert durch die historiographischen Diskussionen im Umfeld der Cambridge School, dafür plädiert, innerhalb der Geschichtsschreibung der Aufarbeitung der diskursiven Kontexte besonderen Stellenwert einzuräumen.
Die Rubrik «Aus der Forschung» ist neuen Forschungen zu Maria Montessori gewidmet. Christine Hofer zeigt, dass die traditionelle Montessori-Rezeption, die das Eigenrecht des Kindes ins Zentrum der pädagogischen Reflexion und des erzieherischen Handelns stellt, einseitig ist, weil sie wohl auf anthropologische Argumente referiert, aber das zentrale anthropologische Werk der italienischen Ärztin meistens unberücksichtigt lässt. Der Einbezug dieses Werkes bringe aber insofern neue Erkenntnisse, als darin eine Anthropologie mit deutlichen Sympathien für die Rassenbiologie entwickelt wird, die jenseits der Kindorientierung eine Erziehung des neuen, starken und gesunden Menschen propagiert. Hélène Leenders verstärkt diese neue Sicht auf die grosse Kultfigur der Reformpädagogik, indem sie anhand von bisher unerschlossenen Quellen nachweist, wie eng Montessori mit dem italienischen Faschismus verflochten war und dass hinter der Rhetorik einer kulturell indifferenten «kindgerechten» Erziehung eine nationalisierte Pädagogik favorisiert wurde.
Der Diskussionsteil thematisiert Konstruktionen von Kindheit und Jugend bzw. Adoleszenz. Michael-Sebastian Honig plädiert dabei für eine Vermittlung von sozialwissenschaftlicher und pädagogischer Kindheitsforschung. Gegenüber den Mythologisierungen bzw. den grenzenlosen Pädagogisierungen, welche Konzepte von «Kindheit» bisher prägten, versucht er aufgrund verschiedener von Kindern begangener schwerer Delikte die Irritation des «bösen Kindes» fruchtbar zu nutzen und die Ambivalenzen der generationalen Ordnung, als Ordnung des Wissens und der Macht, zu artikulieren. Im Gegensatz zwischen den sakralen Konstruktionen des Kindes bzw. der Kindheit und der gefährdeten Jugend – auf dem Hintergrund modernisierungstheoretischer Forschungsansätze – weist Sabine Andresen nach, dass der gängige dualistische Blick auf die Generationen Komplexität reduziert, und sie fordert die Unterscheidung der sozialen Organisation von Kindheit und Jugend, wobei der Begriff des Moratoriums im Zentrum steht.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009