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Inhalt 2/01

Editorial
Die historiographische Forschung der letzten Jahre, die sich der Kontextualisierung von Texten verschrieben hat, vermochte – nicht nur in der Pädagogik – jenseits aller inhaltlichen Auseinandersetzungen eines zu Tage zu bringen: Philosophische, politische oder pädagogische Ansätze sind nicht zeitlos, nicht näher an der Wahrheit als andere, sondern sind stets Argumente in einem Diskurs, der selber nur über die zeitgenössischen Diskussionen zu verstehen ist. Diese Entwicklung bestimmt im hohen Masse die, wenn auch von der Thematik her sehr verschiedenen, Beiträge in den beiden Rubriken «Thema» und «Diskussion».
Im Thementeil wird eine Debatte innerhalb der Sozialpädagogik weitergeführt, die 1993 von Michael Winklers These ausgelöst wurde, wonach angesichts der prekären Lage sozialpädagogischer Theoriebildung wesentlich nur noch der Rekurs auf (sozial-)pädagogische Klassiker weiterhelfe. Diese Diskussion wurde auch in dieser Zeitschrift breit geführt (ZpH 2000/1, ZpH 2000/2). Die Prämisse, dass pädagogische Theoriebildung ohne historische Reflexion nicht auskommt, wurde dabei nicht bestritten, aber es stellte sich zunehmend die Frage, ob dem historiographischen Desiderat eher die Klassiker oder geschichtliche Rekonstruktionen entsprächen. Neben dem Auslöser der Debatte, Michael Winkler, diskutieren hier Joachim Henseler, Waltraud Sempert, Bettina Grubenmann Olschewski und Sabine Andresen das vielschichtige Problem aus verschiedenen Perspektiven.
Wenn es nicht mehr die (eine) Wahrheit gibt, sondern nur noch besser oder schlechter begründete Meinungen und Argumente in historischen Diskursen, werden sowohl Geschichtsschreibungen, die einer geschichtsphilosophischen Prämisse unterliegen, als auch (Bildungs-)Theorien, die von metaphysischen Grundannahmen ausgehen, fragwürdig. Der Diskussionsteil dieser Nummer geht von einer These Dirk Rustemeyers aus, die darauf zielt, dass neuzeitliche Theorieansätze, die nach ewigen Gewissheiten etwa des Subjektes suchen, grundsätzlich kritisierbar sind.
Rustemeyer plädiert in seinem Beitrag «Enttäuschende Theorie» für die Verabschiedung der metaphysischen Ambition, das ewige Sein theoretisch einholen zu wollen. Er verzichtet aber auch darauf, für die postmodernen Adaptionen von Wittgensteinschen Sprachspielanalysen zu argumentieren, und favorisiert stattdessen die Auseinandersetzung mit der nicht hintergehbaren historischen Kontingenz, wie er sie schon in der europäischen Moralistik zwischen Montaigne und Rochefoucault zu erkennen glaubt. Seine These wurde drei Exponentinnen und Exponenten der Philosophie, der Allgemeinen Pädagogik und der Schulpädagogik, Helmut Holzhey, Annette M. Stross und Manfred Lüders, zur kritischen Kommentierung aus ihrer je spezifischen Perspektive vorgelegt. Die Kommentare zeigen einerseits, dass das Verhältnis von System und Kontingenz nicht einfach nur ein dichotomisches ist, und machen andererseits auch deutlich, dass zwischen der Kontingenzphilosophie und historischer Forschung grundsätzliche Differenzen bestehen, die noch weiter zu diskutieren sind.
Die Rubrik «Dokumente» stellt eine ebenso vordergründig unspektakuläre wie interessante Quellengattung im Zusammenhang mit Anna Pestalozzi vor. Bekanntlich waren im protestantisch-republikanischen Umfeld Pestalozzis zeitvertreibende Kartenspiele an sich ein Anathema, Symbol für «Müssiggang», sei es des einfachen Volkes oder der Aristokratie oder patrizischen Bourgeoisie. Im Zusammenhang mit der Fertigstellung der Kritischen Gesamtausgabe der Werke und Korrespondenz Pestalozzis sind jetzt über 400 Patience-Karten Anna Pestalozzis aufgetaucht, auf deren Rückseite sie Zitate und Reflexionen moralischen Inhalts, unter anderem zur Ehe, notiert hat. Esther Berner und Bettina Diethelm haben diese Karten transkribiert und versuchen in ihrem Beitrag, diese Inhalte in Bezug zu den anderen von Anna Pestalozzi überlieferten Texten zu setzen und Schlüsse auf die der Frau damals (von Männern) empfohlenen Lektürepraxis zu ziehen.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009