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Inhalt 1/02

Editorial
Die vorliegenden Nummer der «Zeitschrift für pädagogische Historiographie» hebt neben einem Plädoyer von Sabine Andresen in der Rubrik «Aus der Forschung», sich aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive mit dem «banalen Reden» über Erziehung zu beschäftigen, drei innovative Ansätze hervor, die für die Geschichtsschreibung der Pädagogik von Bedeutung sind. Erstens veröffentlicht sie in der Rubrik «Thema» ein Plädoyer von Marc Depaepe und Frank Simon für eine verstärkte und systematische Erforschung von Lehrmitteln. Zwar hat es vereinzelt immer wieder Analysen von Lehrbüchern gegeben; diese haben sich aber im Allgemeinen immer auf spezifische Problemthemen wie Nationalismus, Religion oder Geschlechterfragen beschränkt und so gerade keinen umfassenden Blick auf die Schulrealität geben können. Hinter dieser Neuausrichtung steht die Erkenntnis, dass nicht nur die bisher im Zentrum stehenden Lehrpläne, sondern eben auch die Lehrmittel die zentralen Steuerungsgrössen von Unterricht, dem Kerngeschäft der öffentlichen Schulen, sind: Was Kinder in der Schule im Allgemeinen lernen, welche «Bildung» sie erhalten, wird durch die Medien vermittelt, die unter historischer Perspektive auf der einen Seite eine hohe Kontinuität aufweisen, auf der anderen Seite aber zunehmend differenziert wurden. Die historischen Rekonstruktionen dieser Lehrmittel und deren internationaler Vergleich sagen über die reale Schul- und Bildungsgeschichte wesentliche mehr aus, als deren bisherige Marginalisierung innerhalb der Forschung suggerieren könnte.
Der Diskussionsteil - zweitens - umfasst eine Reihe von Beiträgen, die gegenüber der traditionellen historiographischen Auffassung, die moderne Pädagogik beginne mit Rousseaus «Emile» (1762), eine kritische Haltung vertreten. Der Rekurs auf Rousseau als Initiator moderner Pädagogik wird als Konstruktion gedeutet, welche die zahlreichen, vielfältigen, innovativen und zum Teil sehr wirkungsreichen pädagogischen Konzepte vor 1762 ausgrenzt und bestenfalls - beispielsweise im Falle John Lockes - zu Vorgeschichten reduziert. Dass es sich bei diesen Konzepten aber keinesfalls um Marginalien handelt, zeigen diese Beiträge eindrücklich, und es stellt sich die Frage, welchem Zweck die Zurückdatierung «moderner Pädagogik» auf das Jahr 1762 bzw. auf den für die Praxis weitgehend irrelevanten Erziehungsroman Rousseaus dient. Hier drängt sich die These auf, diese Konstruktion eines Anfangsszenarios diene, um mit Thomas Kuhn zu reden, dem dominanten Paradigma bzw. gemäss Foucault dem herrschenden Diskurs der Pädagogik des 20. Jahrhunderts. Die Rekonstruktion pädagogischer Konzepte vor dem Stichdatum des historiographischen Mainstreams vergrössert damit letztlich das innovative Potential der gegenwärtigen Theoriebildung der Pädagogik insgesamt.
Positioniert sich der Diskussionsteil im metatheoretischen Rahmen des diskursiven Kontextualismus und damit teilweise auch des «linguistic turn», so stellt der Beitrag in der Rubrik «Dokument» - der dritte innovative Ansatz - ein Forschungsergebnis vor, das dem «pictorial turn» entspringt. Die Kunsthistorikerin Daniela Mondini verweist auf medien-pädagogische Mittel gewissermassen avant la lettre. nämlich auf die zunehmende Verwendung von Abbildungen in den kunstgeschichtlichen Werken um 1800. Was heute vielleicht als Selbstverständlichkeit beurteilt wird - Bilder gehören als Illustration zu kunstgeschichtlichen Werken -, erweist sich bei näherer Untersuchung als didaktisches Mittel, nicht nur um Kenntnisse einfacher, sondern auch um normativ-ästhetische Theorien zu vermitteln. Dabei wurde sogar in wissenschaftlichen Werken eine «Didaktik der Abschreckung» angewandt, womit nicht zuletzt eine wichtige Anregung für die historische Erforschung von Lehrmitteln gegeben wird.

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 1/2010

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809