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Inhalt 2/02

Editorial
Die Geschichtsschreibung der Pädagogik beschränkt sich im Allgemeinen auf bestimmte Epochen bzw. Zeiträume. So fokussiert sie überdurchschnittlich oft das 18. Jahrhundert - Rousseau, die Philanthropen oder Pestalozzi stehen dabei im Vordergrund. Ebenso prominent vertreten ist die Aufarbeitung der Reformpädagogik, wobei die deutschen Exponenten und Exponentinnen - mit Ausnahme von Key oder Montessori - überproportional vertreten sind. Die Schulgeschichtsschreibung wiederum setzt sehr oft in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, während die historische Sozialpädagogik magisch von der Zeit zwischen 1880 und 1933 angezogen scheint. Bemerkenswert wenig Arbeiten handeln von den 50er- oder 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, von der Zeit vor 1750 ganz zu schweigen.
In diesem Heft sind Beiträge versammelt, die diese Fokussierung relativieren. Anja-Silvia Göing untersucht in der Rubrik «Aus der Forschung» das Bildungskonzept der von Zwingli gegründeten «Zürcher Hohen Schule» - die Vorläuferin der Universität Zürich -, das zwischen Humanismus und Reformation situiert war und über sehr lange Zeit europaweit Wirkung entfaltete. In der selben Rubrik verweisen Sabina Larcher und Karin Manz auf ein Forschungsprojekt, die Erstellung einer systematischen Datenbank des monatlich erscheinenden Organs des Schweizerischen Lehrerinnenvereins, einer während fast 100 Jahren erscheinenden Zeitschrift (1886-1982), die auf die Herausbildung des Lehrerinnenberufs bzw. des Berufsbildes des Lehrerinnen in der Schweiz massgeblichen Einfluss hatte.
Der Thementeil behandelt insofern einen «Klassiker» der Geschichtsschreibung, als er die Reformpädagogik thematisiert. Meike Sophia Baaders Zugang unterscheidet sich aber von gängigen Darstellungen insofern, als sie die Internationalität der pädagogischen Reformbewegung voraussetzt und in deren religiösen Tiefenstruktur das Fundament erkennt, wonach Erziehung als Erlösung verstanden wurde.
Die Rubrik «Diskussion» versammelt Kommentare verschiedener Exponenten und Exponentinnen der Pädagogik aus den USA, England, Deutschland und Österreich zu der bewusst provokativen Thesen, die zwei in den letzten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts auftauchende Phänomene im Schulbereich korreliert: Die zunehmende Bedeutung der (pädagogischen) Psychologie in der Lehrer- und Lehrerinnenausbildung und das scheinbar zunehmende burnout-Syndrom bei Lehrkräften. Die These, die dieser Diskussion zu Grunde liegt, geht davon aus, dass die zunehmende Bedeutung der (pädagogischen) Psychologie innerhalb der Lehrer- und Lehrerinnenbildung parallel zu den gesamtgesellschaftlichen Psychologisierungstendenzen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verläuft und einen Individualisierungs- und Persönlichkeitskult bewirkt, der weitgehend von sozialen und politischen Kontexten losgelöst ist. Darauf baut die zentrale These, die besagt, dass einerseits diese Idealisierungen das Scheitern sowohl auf Seiten der Lehrkräfte als auch auf Seiten der Schüler und Schülerinnen vorprogrammieren, und dass andererseits für die kognitive und emotionale Bewältigung dieser schmerzhaften Erfahrungen nur eine psychologisierte Sprache, das heisst eine Therapiesprache zur Verfügung steht. Die sehr verschiedenen und sich deutlich unterscheidenden Kommentare zeigen, dass die Diskussion erst am Anfang steht, und sie verweisen auf das Desiderat einer spezifischen, auf die Fächer der beruflichen Allgemeinbildung fokussierten Geschichte der Lehrer- und Lehrerinnenbildung.
In der Rubrik «Dokument» steht ein wahrer schulgeschichtlicher «Schatz» im Zentrum - die 105 zum Teil sehr ausführlichen Antworten der ersten flächendeckenden Schulumfrage aus dem Jahre 1771/1772 im Kanton Zürich. Esther Berner zeigt in ihrem Beitrag auf, wie diese Evaluation zustande kam, welche Intentionen sie verfolgte und - wie wenig sie mit der realisierten Landschulreform von 1778 zu tun hatte. Die Dokumente vermögen ihrerseits zu zeigen, wie der Schulalltag im 18. Jahrhundert erlebt wurde, wie anhaltend die Klagen über die Schule - Absenzen, Disziplin, mangelnde Lehrerbildung - bis heute geblieben sind und wie gross die Gefahr ist, dass aufwändige Evaluationen wirkungslos bleiben.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009