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Inhalt 1/04

Editorial
Die Zeitschrift für pädagogische Historiographie steht bereits in ihrem zehnten Jahrgang. Die Zeit zwischen der Gründung der Neuen Pestalozzi-Blätter im Vorfeld des Pestalozzi-Gedenkjahres (1996) und der aktuellen Gegenwart waren für die Entwicklungen der Allgemeinen und insbesondere der Historischen Pädagogik wichtig: Sie sind kaum mehr dieselben. Die Redaktion hofft, diesen Entwicklungen über ihre internationale Ausrichtung fruchtbare Impulse gegeben zu haben.
«Internationalität» ist allerdings zu einem Slogan geworden, wie Marc Depaepe in seinem Essay Die europäische Dimension in der pädagogischen Historiographie: Rhetorik und Realität deutlich macht. Es bestehe die Gefahr, im Status eines Zauberwortes zu verharren, wenn es nicht gelinge, eigene nationale Traditionen der Forschung zu überwinden sowie doktrinäre Topoi zu dekonstruieren, wie etwa die Vorstellung, es gäbe eine gesamteuropäische Bildungsgeschichte. Pädagogische Wirklichkeit liege gewissermassen «dazwischen», nämlich zwischen einer zwar während längerer Zeit europäischen, dann aber ab 1900 zusehends nationaler Diskussion einerseits und den spezifischen lokal- bzw. regionalkulturellen Kontexten andererseits. Welche nicht zuletzt methodischen Probleme sich vor diesem Hintergrund für das Projekt einer «Internationalisierung» ergeben, ist Gegenstand von Depaepes Reflexion.
Die Geschichte der Zeitschrift für pädagogische Historiographie ist nicht zuletzt geprägt durch vielfältige Versuche von Dekonstruktionen. Der zweite Beitrag der Rubrik Aus der Forschung von Damian Miller fokussiert auf die immer wiederkehrende allgemeine Klage, die Menschen der Moderne stünden im Dienste der Technik und seien entfremdet. Miller gibt dagegen zu bedenken, dass historisch gesehen technische bzw. technologische Innovationen nicht nur Ablehnung hervorriefen, sondern die bestehenden pädagogischen Visionen einlösbar erscheinen liessen, was er am Beispiel der Erfindung des Buchdrucks, der ersten Computer und den Erwartungen an das e-Learning deutlich macht.
Technik und Wirtschaft sowie Pädagogik werden sowohl in der Überlieferung als auch in der gegenwärtigen Diskussion dual konstruiert. Verfolgt man die Geschichte der modernen Pädagogik, die angeblich mit Rousseaus Emile beginnt, so findet sich eine eigenartige Dualisierung von «Kulturkritik» einerseits und «Pädagogik» anderseits, eigenartig deswegen, weil die letztere Legitimation durch die erstere zu erhalten scheint. Meike Sophia Baader weist in ihrem Themenbeitrag nach, wie im 20. Jahrhundert vor allem populäre bis populistische Modernisierungstheorien die Stelle der früheren Kulturkritik eingenommen haben, auf denen das pädagogische Engagement sowie pädagogische Argumente ruhen.
Kein neues Thema entdeckt der Diskussionsteil, in welchem der Zusammenhang von Ästhetik und Pädagogik zur Debatte steht. Gleichwohl scheint in jüngster Vergangenheit das Thema eher wieder in den Hintergrund getreten zu sein, ungeachtet der Tatsache, dass «Ästhetik» bei weitem nicht nur strukturell eine Alternative zur Ethik darstellt, sondern dass visuelle Quellen uns historisch belehren können. Ulrike Pilarczyk und Johannes Bilstein plädieren exemplarisch dafür, die zu wenig wahrgenommenen ästhetischen Dimensionen der Pädagogik wieder stärker zu berücksichtigen.
Wesentlich neueren Datums ist dagegen die Lehrmittel-Forschung, die erst seit kurzem unter anderem von der These ausgeht, dass Unterricht dominant von Lehrmitteln gesteuert wird. Felix Bürchler weist in seinem Beitrag in der Rubrik Dokument nach, wie anhand von Lehrmitteln das Phänomen des Wissenstransfers exemplarisch deutlich gemacht werden kann.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009