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Inhalt 2/04

Editorial
Die Frage nach dem Sinn der «Geschichte der Pädagogik» in einer Zeitschrift wie der unsrigen zu stellen, scheint auf den ersten Blick wenig Sinn zu machen. Redaktion sowie Abonnentinnen und Abonnenten bilden bei allen Zeitschriften eine Art Gesinnungsgemeinschaft, die sich zwar über einzelne methodische Fragen streiten mag, aber den Sinn des verbindenden Themas in der Regel voraussetzt und selten grundsätzlich diskutiert. Je spezifischer die Ausrichtung einer Zeitschrift ist, desto stärker ist diese Tendenz zu veranschlagen. Den Sinn der «Geschichte der Pädagogik» zu hinterfragen erscheint daher wie ein Fussballspiel ohne Gegner.
Wir haben den Versuch dennoch gewagt und den Text eines der prominentesten amerikanischen Bildungshistorikers mit dem Schwerpunkt Curriculumsgeschichte, Herbert M. Kliebard, verschiedenen Exponenten der Erziehungswissenschaft zur Kommentierung vorgelegt. Bewusst haben wir nicht nur Bildungshistorikerinnen und Bildungshistoriker angefragt, sondern auch Vertreter der angelsächsischen «philosophy of education» sowie der empirischen Pädagogik, die tendenziell eher ahistorisch argumentieren. Ob und wie die Stellungnahmen dieser Exponenten der Erziehungswissenschaft aus den USA, Grossbritannien, Deutschland, Portugal und der Schweiz zu Herbert M. Kliebards Thesen im Speziellen und zur Rolle der «Geschichte der Pädagogik» im Allgemeinen ausfallen, lesen Sie in der Rubrik «Diskussion».
In der Rubrik «Thema» finden sich in dieser Nummer zwei Beiträge. Brita Rang nimmt die im Heft 2(2003) der «Zeitschrift für pädagogische Historiographie» geführte Debatte um Heinz-Elmar Tenorths Beitrag zur Pädagogik als Berufswissenschaft wieder auf. Sie fragt, inwiefern die gesamte Debatte ein spezifisch deutsches Problem wälzt, wobei sie ihre Argumentation vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Forschungen in der niederländischen Republik verfasst. Im zweiten Themenbeitrag rekonstruiert Kersten Jacobson Biehn die «Modernisierung» der amerikanischen Elite-Universitäten und zeigt am Beispiel von Princeton, dass die Einführung der freien Künste («liberal arts») gegen Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs gleichbedeutend war mit der Preisgabe traditioneller religiös-protestantischer Wertvorstellungen. Welche Strategien aber die Bildungsinstitutionen wählten, um die Säkularisierung nicht auf Kosten sakraler Gehalte durchzusetzen, wird in diesem Beitrag deutlich gemacht.
Die Beiträge in den Rubriken «Aus der Forschung» sowie «Dokument» behandeln im weitesten Sinne reformpädagogische Themen, bzw. Themen, die durch die spezifische Konstruktion des Labels «Reformpädagogik» entweder marginalisiert worden sind – sei das aus inhaltlichen und/oder nationalistischen Gründen. Ulrich Klemm zeigt am Beispiel des libertären Schulreformers Francisco Ferrer, welche Bedeutung die «anarchistische» Pädagogik um die vorletzte Jahrhundertwende hatte, während Alderik Visser der Frage nach der problematischen Verbindung der Reformpädagogik mit moralischen und medizinischen Vorstellungen von Gesundheit und Hygiene um 1900 nachgeht. Tomas Kasper dagegen zeigt, wie aus Bata-Schuhen Bata-Schulen wurden. Anders gesagt, macht der Beitrag deutlich, wie aus einer industriellen Bewegung, die sich als kulturelle Erneuerung empfand und die im amerikanischen Pragmatismus nicht nur eine undeutsche und ungeistige «Dollar-Philosohphie» erkennen wollte, eine breite reformpädagogische Strömung entstand, die in der bisherigen Literatur zu Unrecht übergangen worden ist.

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 1/2010

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809