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«Internationalisierung» ist in den letzten zwei, drei Jahren zum «watchword» auch der pädagogischen Diskussion geworden. Es setzt sowohl politische, kulturelle und soziale Einheiten voraus, die terminologisch als «Nation» gebündelt sind, als auch die Hoffnung, dieselben zu überwinden. «Internationalisierung» ist in diesem Rahmen trotz der unübersehbaren Neigung der Intellektuellen, «Globalisierung» zu kritisieren, ein positiv konnotierter Begriff geworden. Die Folge davon sind auf der einen Seite internationale Forschungskonzepte und -projekte, international besetzte «Editorial boards» oder internationale «Research communities», auf der anderen Seite historische und/oder empirische (Fall-)Studien zum transnationalen Austausch von Wissenschaftern oder zu «travelling libraries». Studien- oder Forschungsjahre im Ausland sind dabei in den meisten universitären Disziplinen zur «conditio sine qua non» akademischer Karrieren geworden. Die Erziehungswissenschaft hat sich im Vergleich dazu weit zögerlicher verhalten, was ihr auch den Vorwurf eingebracht hat, sie entwickle ihre Argumente noch immer in den mentalen Strukturen des 19. Jahrhunderts.
Die Forderung nach Auslandaufenthalten ist allerdings keine Erfindung des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern wurde, wie der Themenbeitrag von Adam Nelson zeigt, bereits im 19. Jahrhundert erhoben und umgesetzt: Berühmte Beispiele aus unserer Disziplin wären G. Stanley Hall oder Georg Herbert Mead. Anhand der Forschungsreisen amerikanischer Gelehrter weist der Aufsatz allerdings nach, dass sich mit diesen Reisen nicht zwangsläufig eine «Internationalisierung» der Diskussion entwickelte und auch nicht entwickeln musste, sondern dass die Folge gerade «Nationalisierung» bedeuten konnte und kann. Der Beitrag ist dennoch selbstverständlich kein Plädoyer gegen Auslandaufenthalte von Studierenden oder Forschenden, sondern ein Hinweis auf die Vielschichtigkeit des Problems. Eine innovative Möglichkeit im Umgang mit diesem Problem ist der Versuch, einschlägige Thesen, Konzepte oder Denkmuster einer internationalen Diskussion auszusetzen, wie das diese Zeitschrift seit einiger Zeit forciert. In dieser Nummer wurden Erziehungswissenschaftern und Erziehungswissenschafterinnen aus Spanien, Italien, England, den USA, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz Thesen zu einem der wirkungsmächtigsten Topoi deutscher Pädagogik vorgelegt, nämlich die Idee einer «Pädagogischen Autonomie». Gerade vor dem Hintergrund der «Internationalisierung» der erziehungswissenschaftlichen Diskussion stellt sich die Frage, inwiefern dieses Konzept «spezifisch deutsch» bzw. ob es in anderen Sprachen und Kulturen anschlussfähig ist, und wenn ja, in welchem Zusammenhang.
Ein Ergebnis der internationalen historischen Bildungsforschung ist sicherlich die Erkenntnis des Unterschieds zwischen «Citoyen» und «Bourgeois», um die französische Benennung des 18. Jahrhunderts zu verwenden. Mit der in der deutschen Pädagogik wenig bekannten Dimension des «Citoyen» befasst sich Carsten Müllers Ansatz, Soziale Arbeit als «Menschenrechtsprofession» zu sehen, mit dem Anspruch, Soziale Arbeit an den Prinzipien der Menschenrechte auszurichten und damit das Ziel politischer Partizipation zu verfolgen. Dieser Ansatz ist in der republikanischen Schweiz dagegen schon sehr alt, wie der Beitrag in der Rubrik «Dokument» deutlich macht. Ralf Junghanns zeigt am Beispiel des kleinen katholischen Stadtstaates Solothurn, wie ein öffentliches Theaterstück als Ausdruck einer frühbürgerlichen Kultur am Ende des 16. Jahrhunderts säkulare, bürgererzieherischen Motive beinhaltete.
Der Umstand, dass nicht nur Menschen und Objekte reisen können, sondern auch Vorstellungen, Erwartungen und Programme, stellt die historische Internationalisierungsforschung vor erhebliche methodische und konzeptionelle Probleme. Während die Routen einzelner Personen oder Gruppen sowie die Zirkulation von Büchern in der Regel detailliert rekonstruierbar sind, stellen ideologische oder epistemische Diffusionen eine weit schwierigere Forschungsaufgabe dar. Der Beitrag von Marcelo Caruso versucht am Beispiel der Pestalozzi-Rezeption in Spanien zu Beginn des 19. Jahrhunderts dieses Vorhaben exemplarisch umzusetzen, wobei er sich methodisch auf das Konzept der Performativität stützt.
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