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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte Wilhelm Dilthey der sich rasant ausbreitenden kulturellen und gesellschaftlichen Akzeptanz der Naturwissenschaften entgegenzutreten. Dabei sprach er der Erforschung der Welt des Geistes das Wort, die der Natur entgegengesetzt und als weit wertvoller erschien. Dazu musste er das Argument der Naturwissenschaften entkräften, dass nämlich nur sie wissenschaftlichen Ansprüchen Genüge leisteten, weil sie Methoden hätten. Das gelang Dilthey in gut protestantischer Tradition (sein Vater war calvinistischen Pfarrer), indem er die Hermeneutik zur Leitmethode der Wissenschaften vom Geist erhob: Die Welt des Geistes, die Geisteswissenschaften, schienen gerettet und die Realgeschichte erhielt ein Pendant, die Geistes- oder Ideengeschichte. Studierende hatten fortan Hermeneutikkurse zu belegen, wo sie sich mit dem hermeneutischen Zirkel, dem unausgesprochenen Hintergrund von Texten sowie dem Anspruch, den Autoren eines Textes besser zu verstehen als dieser sich selber verstanden hatte, auseinandersetzen mussten. Die pädagogische Geschichte wurde zur Geschichte grosser pädagogischer Ideen, die irgendwo in der Antike begann und ab 1800 meist nur noch deutschsprachige Autoren kannte.
Während die deutschsprachige Geschichtsschreibung der Pädagogik lange Zeit ideen- oder geistesgeschichtlich ausgerichtet war, entwickelte sich die amerikanische Historiographie viel näher an der Schule. Dabei entzündete sich in den 1950er- und 1960er-Jahren ein Streit, ob die sich ihrem Ende zu neigende Progressive Education – John Dewey war 1952 gestorben – einen ‹guten› oder ‹schädlichen› Einfluss auf die Schule gehabt habe. Die Frage, ob Schulenwicklungen überhaupt Folgen von gezielten Reforminitiativen seien, wurde gar nicht gestellt, und zwar bis in die 1980er-Jahre nicht, bis vor allem in Stanford Larry Cuban und David Tyack, gestützt auf historische Analysen, grundsätzliche Fragen zu Reform und Schule zu stellen begannen und in diesem Zusammenhang den Slogan der Grammar of Schooling generierten. David Labaree hat sich jetzt erneut umfassend unter dem Aspekt mit der Schule befasst, wie sie auf die mannigfaltige Ansprüche und Reforminitiative, der sie ausgesetzt ist, reagiert und ist dabei zu zentralen Thesen gekommen, die er hier zur Diskussion stellt. In dieser Diskussion gibt es einen Kommentar aus amerikanischer Perspektive und Reflexionen aus der Sichtweise unterschiedlicher nationaler Erfahrungen. Dabei werden nicht nur Labarees Thesen als solche diskutiert, sondern indirekt auch die Frage, ob diese Thesen selber national idiosynkratisch sind oder globalen Charakter tragen.
Der Anspruch der Hermeneutik, durch ihre methodische Anlage den geistigen Sinngehalt eines Textes zu erfassen, wurde durch wissenschaftliche Entwicklungen wie der Kritischen Theorie, der Geschlechterforschung oder aber auch der Analytischen Philosophie erschüttert. Insbesondere Entwicklungen mit dem Label linguistic turn nährten den Zweifel, ob Texte bzw. Sprache Geist abbilden könne oder ob nicht gerade umgekehrt Sinngehalte linguistische Konstruktionen seien. Die Welt des Geistes wurde zur Welt der Diskurse und Stichwörter wie «Diskontinuität» oder «Brüche» ersetzten traditionelle Vorstellungen von «Ideengeschichte». Folglich hatten die Studierenden nicht mehr Hermeneutik, sondern Diskursanalyse zu lehren, die zur Vorzeigemethode der historisch ausgerichteten Humanities wurde. Während die Bedeutung wissenschaftlicher Methoden zur Generierung von wissenschaftlichem Wissen kaum (mehr) bestritten wird, ist der historiographische Ertrag der Diskursanalyse in den einzelnen Studien allerdings nicht immer einsichtig – oft erscheinen methodische Absichtserklärung auf der einen und eigentliche materielle Untersuchung auf der anderen Seite als zwei getrennte Sphären, wobei dann nicht selten grundlegende ‹handwerkliche› Standards vergessen gehen. Marc Depaepe, der sich seit Jahren der Methodendiskussion in der pädagogischen Geschichtsschreibung widmet, hat vor diesem Hintergrund 10 Gebote der historiographischen Arbeit verfasst und sie einem internationalen Publikum zur Diskussion gestellt. Diese Diskussion zeigt, dass Methodenfragen wie zu Zeiten Diltheys entscheidend sind, aber entscheidend differenzierter betrachtet werden müssen. Der Beitrag von Pieter Verstraete in der Rubrik «Aus der Forschung» zeigt, wie einfach es sich die traditionelle Historiographie gemacht hat und welchen Preis sie zahlt, um lineare (Geistes-)Geschichten zu erzählen.
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