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Inhalt 2/09

Editorial
Die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit ist eine ambivalente Tätigkeit. Zum einen gelingt es der Zeitgeschichte, gegenwärtige Konstellationen und Diskurse aus einer historischen Sicht zu verstehen und auf diese Weise wertvolles Wissen zu erzeugen. Zum anderen tritt sie in eine vielfältige Konkurrenzsituation, die es etwa in der Altertums- oder Mittelalterforschung nicht gibt: Politische Akteure mögen – gerade etwa in der Bildungspolitik – nicht immer über historische Erklärungen erfreut sein, weil diese an kontextuelle Rahmenbedingungen oder an früheres Scheitern von ähnlichen Reformen erinnern und damit die Zukunftsrhetorik der Akteure empfindlich stören können. Zeitzeugen fühlen sich von der Geschichtsforschung missverstanden und insistieren, dass es «alles ganz anders» gewesen sei als die Elfenbeinturm-Forschenden behaupten: Die Reaktion vieler Menschen aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik auf die heutige wissenschaftliche Forschung über die DDR zeugen ebenso eindrücklich von dieser Problematik wie die Reaktion der «Aktivdienstgeneration» der Schweiz auf die Forschungen zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Die vorliegende Nummer der Zeitschrift für pädagogische Historiographie widmet sich in mehreren Beiträgen der Zeitgeschichte. Im Themen-Beitrag diskutiert Anne Rohstock die deutsche Universitätsreform der letzten 50 Jahre, wobei sie vor allem darauf aufmerksam macht, dass in dieser Diskussion Humboldt eine ambivalente Rolle spielt, da er einerseits als Benchmark einer idealen Hochschule gilt, andererseits aber derart beliebig interpretiert wird, dass er ironischerweise zum Signum der Reformresistenz wird. Ein schwieriges methodisches Problem der Zeitgeschichte analysiert Sabine Moller in der Rubrik «Aus der Forschung»: nämlich das der Zeitzeugen und insbesondere der Familienerinnerung, das heisst dem Wissen, das innerhalb einer Familie weitergegeben wird. Moller weist am Beispiel des Nationalsozialismus nach, wie die Enkelgeneration das erzählte Wissen der Grosseltern beschönigt und so der Zeitgeschichte und vor allem auch dem Geschichtsunterricht in der Schule Probleme bereitet. Auch unter das Label – aber mit gewissen Abstrichen – «Zeitgeschichte» gehört die Diskussion, die der Frage nachgeht, inwiefern man von der Geschichte lernen kann, ohne sie zu sehr mit kontemporären Interessen zu präformieren. Ausgangspunkt ist Hans-Ulrich Wehlers Aufsatzsammlung Aus der Geschichte lernen? aus dem Jahr 1988, die von zwanzig Kolleginnen und Kollegen anlässlich Gerhard Klucherts 60. Geburtstag diskutiert wird.
Mit nicht zeitgeschichtlichen Themen befassen sich die beiden anderen Beiträge. Der Aufsatz Das Warenhaus als Erzieher von Thomas Lenz widmet sich den einschlägigen – meist anti-modernistischen – Diskussionsbeiträgen um 1900, die Sokrates, Kant, Fichte oder Rembrandt «als Erzieher» priesen, die unter anderem auf eine spezifische, modernisierungsfreundliche «Erziehungswirklichkeit» reagierten: Auf die für die Moderne durchaus emblematischen Warenhäuser, in denen Menschen Zukunft erfahren konnten. Gerade deswegen lösten die Warenhäuser moralisch aufgeladene antisemitische und misogyne Stereotype aus, die bestens in den damals herrschenden Kulturpessimismus passten.
In die Zeit von Kant oder Fichte gehört der Beitrag von Heinrich R. Schmidt, der sich in der Rubrik «Dokument» einem grossen Forschungsprojekt der Historischen Bildungsforschung widmet: Der umfassenden Schulumfrage 1799 in der Schweiz, mit welcher sich der damalige Bildungsminister der neuen Helvetik (1798–1803) ein Bild zur Schulsituation in der Schweiz machen wollte, um darauf bauend eine Schulreform durchzuführen. Im Unterschied zu früheren Umfragen zielte die «Stapfer-Enquête» aber nicht auf die Aufsichtsbehörde der Schule, meist die Pfarrer, sondern auf die Lehrer selber. Die heute noch erhaltenen 2500 Antworten auf den 60 Fragen umfassenden Fragebogen, die einen ungemein präzisen Einblick in die Situation der Schweizer Volksschulen vor 1800 erlauben, werden in den nächsten sechs Jahren aufgearbeitet und der Forschung zugänglich gemacht, wobei insgesamt acht bis zehn Dissertationen einzelne Forschungsfragen im Umfeld des Editionsprojektes bearbeiten werden. Das Projekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds grosszügig unterstützt wird, hat im Sommer 2009 begonnen.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009