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Inhalt 1/09

Editorial
Seit Finnland in den internationalen Tests jeweils als «Sieger» hervorgeht, propagieren pädagogische Reformer in Ministerien und an Universitäten des deutschsprachigen Raums das finnische Schulsystem, das sich unter anderem durch seine Gesamtschule auf der sekundären Stufe auszeichnet. Die Attraktion dieses Schulmodells ist aber keinesfalls neu, sondern findet sich schon 40 Jahre früher, in den 1960er-Jahren. Damals war allerdings nicht Finnland das Vorbild, sondern die USA, und der normative Hintergrund der Propaganda war nicht die Schulleistung der Schüler, sondern Gleichheit bzw. die gesellschaftliche Integration. Aufgrund von wenig bekanntem Archivmaterial beschreibt Thomas Koinzer in seinem Beitrag Equality of Educational Opportunities, wie sich ab den späten 1950er-Jahren das deutsche Interesse am Amerikanischen Schulsystem konstituierte und welche ideologischen Hintergründe dieses Interesse leitete und leistet damit zugleich einen Beitrag zur Frage, mit welchen Schwierigkeiten international komparative Forschung rechnen muss.
1896 in Neuenburg in eine tief religiöse Familie hineingeboren, promovierte er in Zoologie, studierte Kinderpsychologie, führte in Paris mit Albert Binet Studien zur Intelligenz durch, wurde in der Folge als Wissenschaftshistoriker an die Universität in Genf berufen und machte seine eigenen drei Kinder zur ‹empirischen› Grundlage seiner Studien, die ihn zu dem machten, was er in seinem Verständnis gar nicht war, nämlich zu einem Pädagogen: Jean Piaget (†1980). Dass Piaget in den letzten Jahren zur meistzitierten Person in der internationalen Pädagogik geworden ist, macht das Paradox nicht kleiner und verlangt eingehende Beschäftigung mit dem Schweizer. Diesem Desiderat will die vorliegende Nummer der Zeitschrift für pädagogische Historiographie zweifach nachkommen und verbindet entsprechend die Rubriken «Thema» und «Diskussion». Im ersten Beitrag rekonstruiert Richard Kohler die Genese des Entwicklungspsychologen Piaget mit Berücksichtigung von dessen institutioneller Machtpolitik, historischer Wissenschaftskonstruktion und religiöser Verpflichtung und macht verständlich, warum es problematisch ist, Piaget als Pädagogen zu feiern. Im zweiten Beitrag zeigt Susan Jean Mayer, wie Piaget zusammen mit anderen im Spannungsfeld von Strukturalismus und Poststrukturalismus neu gedeutet werden kann, indem strukturelle und kontextuelle Faktoren in Relation gesetzt werden und auf dieser Basis ein neues Verständnis von Sozialwissenschaft gelingen kann – was wiederum Bedeutung für die Pädagogik als Erziehungswissenschaft hätte.
In der Rubrik «Dokument» geht es weniger um Kinder als um Jugendliche, genauer noch um Schülerinnen und Schüler und ihrem immer wieder aufkeimenden Bedürfnis, sich in selber produzierten Organen, den Schülerzeitungen, auszudrücken. Obgleich diese Publikationen viel vom jugendlichen Selbstverständnis, den Ambitionen und Sorgen Jugendlicher und ihrer Sicht der Welt preisgeben, fristen sie in der Jugendforschung ein Randdasein. Gestützt auf die grossartigen Bestände in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin hat sich deren Leitung entschieden, die Schülerzeitungen in einer Ausstellung zu thematisieren. Der Leiter der Bibliothek, Christian Ritzi, erläutert hier den Hintergrund dieser Ausstellung und den bisher unterschätzten Wert dieser Quellen.

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 1/2010

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809