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Inhalt 2/08

Editorial
Wie die hier versammelten Beiträge zeigen, scheinen die Erziehungswissenschaft und das pädagogische Feld mit Mythen und Antiintellektualismus durchsetzt, die nicht nur nicht von der sogenannten empirischen Bildungsforschung haben geschwächt werden können, sondern die vielleicht deren grossen Aufschwung in Form von irrationalen Erwartungen erst ermöglicht haben. Abstrakte (Wunsch-)Vorstellungen von Bürger und Kind liegen einschlägigen empirischen Untersuchungen zu Grunde, deren kulturelle Konstruktion gar nie erst hinterfragt werden; ein Citizen ist ein Citoyen ist ein Bürger, doch ist das genau so falsch wie die noch immer dominierende Meinung, Kindheit sei im 18. Jahrhundert entdeckt worden und habe so die Vorstellung des ‚kleinen Erwachsenen' abgelöst. Wie persistent diese Vorstellung in der Erziehungswissenschaft – im Unterschied zu anderen akademischen Disziplinen – ist, wird von Christin Sager in der Rubrik „Aus der Forschung" unter einer internationalen Perspektive nachgezeichnet.
Ebenfalls um Anti-Intellektualismus geht es im zweiten Beitrag dieser Rubrik. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein wichtiger Teil von Modernität der Erziehung die zunehmende Ausrichtung von Curriculum und Theorie an Rationalität, d.h. den modernen Wissenschaften und damit verbunden die Ablösung religiöser Orientierung. Nietzsche galt dabei lange Zeit als einer der radikalen Neurerer, weswegen er es auch nicht in den Klassikerkanon geschafft hat, der von weitgehend von religiösen – in überwiegenden Fällen protestantischen – Motiven konstruiert ist. Dass Nietzsche selber aber in seiner Religionskritik religiöse Argumente und diskursive Strukturen brauchte, wird im zweiten Beitrag dieser Rubrik von Eva Marsal deutlich gemacht. Ob er wohl dadurch in den Klassikerkanon zu rücken vermag?
Neben Kindheitsvorstellungen und Klassikerkonstruktionen finden sich antiintellektuelle, d.h. romantisierende Vorstellungen auch in den Lehrbüchern wieder, die sich im Grundschulbereicht der Soziallehre (social study) widmen. Darin dominiert seit über einhundert Jahren ein Modell, das mit den Eltern beginnt, sich auf die Familie, Verwandtschaft, Gemeinde etc. ausdehnt. Der kulturelle – amerikanisch-protestantische – Hintergrund dieses Modells sowie seine Wandlung im Curriculum des 20. Jahrhunderts werden eben so oft übersehen wie die problematische globale Adaption dieses Modells, wie Anne-Lise Halvorsen in der Rubrik „Thema" zeigen kann.
In der Rubrik „Diskussion" wird der Sachverhalt des Anti-Intellektualismus direkt am Beispiel der Lehrerinnen- und Lehrerbildung angesprochen. James Ladwig formuliert eine These, wonach der Anti-Intellektualismus des pädagogischen Feldes auch mit spezifischen öffentlichen Erwartungen zusammenhängt, die gerade im Feld der Ausbildung künftiger Lehrkräfte sich in Form von Skeptizismus gegenüber rationalen Strukturen und Inhalten niederschlagen. Wie virulent diese Ladwigs These ist, zeigt sich unter anderem an den vor wenigen Jahren gegründeten Pädagogischen Hochschulen der Schweiz, die zwar im Zuge der Bologna Beschlüsse eine „akademisiserte" LehrerInnenbildung organisieren müssen und entsprechende Abteillungen eingerichtet haben, die aber selber aufgrund des Niederschlags öffentlich dominanter Vorstellungen nicht das Recht erhielten, selber akademischen Nachwuchs zu promovieren, was wiederum entsprechende Rekrutierungsprobleme für höhere Leitungsebenen zur Folge hatte und die Etablierung einer akademischen Kultur im Rahmen von Lehrerinnen- und Lehrerbildung erschwert. Ladwigs brisante These wird von acht internationalen Kolleginnen und Kollegen aus acht verschiedenen Ländern der Welt kritisch kommentiert und diskutiert und wird sicher noch weiterhin Anlass zur Diskussion sein.

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 2/2009