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Inhalt 1/08

Editorial
Unter dem Begriff der «Isomorphie» wird in der bildungssoziologischen Forschung der Prozess bezeichnet, in welchem sich die nationalen Schulsysteme weltweit strukturell angleichen. Die Beschreibung dieses globalen Annäherungsprozesses verkennt oft die regionalen und lokalen Aushandlungsdynamiken, in welchen tradierte Überzeugungen und weltumspannende Ansprüche vermittelt werden. Wie schwierig solche Prozesse des Austarierens sind, kann an organisationalen Fallbeispielen («Implementation») deutlich gemacht werden oder in einer abstrakteren Dimension, die ebenfalls dem Internationalisierungsdruck unterliegt, nämlich der Theoriediskussion. Die vorliegende Nummer der Zeitschrift für pädagogische Historiographie bietet Beiträge zu all diesen Themen.
Im deutschsprachigen Raum gibt es vermutlich keinen Begriff, der für ein Theorie- oder Ideologiekonzept steht, das sich mit der Internationalisierung der Forschung so essentiell schwer tut wie der Begriff der Bildung. Als Inbegriff lutherischer Innerlichkeitsharmonie alternativ zur naturwissenschaftlichen Aufklärung in Frankreich und England konzipiert, repräsentierte er immer den Anspruch auf innere Erhabenheit, mit der die leicht naserümpfende Herablassung gegenüber der realen Welt verbunden war. In der nationalen Verdichtung der Diskussionen im 19. Jahrhundert wurde aus diesem privat gemeinten Innerlichkeitskonzept eine nationale Identität, in welcher der «Deutsche Sonderweg» wirkungsreich (wenn auch nicht unbedingt segensreich) behauptet wurde. Unter dem Druck der Internationalisierung der Theoriediskussion lautet die Frage also, wie dieser Begriff der Bildung, der heute wieder als Alternative zur empirischen Bildungsforschung eine Konjunktur erlebt, mit der internationalen Semantik der Erziehungswissenschaft ausgehandelt werden kann, die kein solches Konzept kennt. Mit der Überzeugung, dass ein solcher Aushandlungsprozess möglich sei, hat Heinz-Elmar Tenorth Thesen formuliert, wie diese Vermittlung denk- und ausführbar wäre. Dem Ansinnen entsprechend wurden seine Thesen einem internationalen Publikum zur Diskussion vorgelegt, das in sehr unterschiedlicher Weise reagierte. Tenorths Thesen sowie die Kommentare der neun Kolleginnen und Kollegen aus Kanada, den USA, Spanien, Belgien, England, der Schweiz und Deutschland werden in der Rubrik «Diskussion» veröffentlicht.
Wie die internationale Forschung nicht nur die Theoriediskussion beeinflussen kann, sondern auch die Geschichtsschreibung, wird am Beispiel der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich, die in der Rubrik «Thema» diskutiert wird. Der dänische Historiker Thomas Ekman Jørgensen zeigt dabei, wie sich nach 1900 eine sehr gut organisierte, international vernetzte radikale sozialistische Jugendbewegung etabliert hatte, die sich gegen die bürgerlich-biedere, deutsch-national ausgerichtete Wandervogel-Bewegung stellte, die aber auch gegenüber der etwas oppositionelleren italienischen Jugendbewegung jener Zeit skeptisch eingestellt war. An der Frage der Konstruktion des Generationen-Verhältnisses untersucht Ekman Jørgensen die Unterschiede zwischen diesen Jugendbewegungen und bringt bisher wenig bemerkte, national unterschiedliche Konstruktionen von Jugend im Vorfeld der beiden faschistischen Staaten zu Tage, welche Auswirkungen auf die historische Jugendforschung in Deutschland haben müssten, in welcher der Wandervogel überproportional vertreten ist.
Lokale bzw. regionale Aushandlungs- und Implementationsprozesse werden in der Rubrik «Aus der Forschung» anhand konkreter Fallbeispiele beschrieben. Elisabeth Schneeberger zeigt, wie der massive Ausbau des Schulsystems im 19. Jahrhundert einen Bedarf an geeigneten Lokalitäten erzeugte und wie auf dieses Desiderat vor Ort reagiert wurde. Carla Aubrys Beitrag rekonstruiert mit den Mitteln der historischen Implementationsforschung das Verhältnis von zentraler Reform des Systems und lokaler Umsetzung. Beide Beiträge machen deutlich, dass Reformforderungen schneller gestellt als umgesetzt sind und dass die Umsetzung nie nur Übernahme, sondern dynamische Assimilationsprozesse bezeichnet, über die wir noch längst nicht genug wissen.

Neu erschienen: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 1/2010

Neu erschienen: Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe, Bd. 2: 1805-1809