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In der kontinentaleuropäischen, vor allem aber in der deutschsprachigen Forschung gibt es eine eigenartige Trennung zwischen der historischen Erforschung der «Pädagogik» – das heisst der Ideen, Konzepte oder neuerdings Diskurse – einerseits und der Schulgeschichtsschreibung andererseits. Die zahlreichen Geschichten der Pädagogik haben sich immer zuerst auf die Denker und deren Ideen beschränkt, um von da aus gegebenenfalls Institutionen, mit denen die Helden in Zusammenhang stehen, zu beschreiben. Entsprechend der idealistischen Tradition pädagogischen Denkens werden diese Insitutionen als Emanationen der grossen Konzepte verstanden und das Scheitern derselben als ein Problem der Umstände. Langfristige Erfolgsgeschichten gibt es in der Literatur kaum, obgleich kein Segment der modernen Gesellschaft so erfolgreich war wie das der Schule.
Vielleicht weil das angelsächsische Denken höchstens eine schwächere klassisch-idealistische Tradition kennt, findet sich dieser bildungshistorische Dualismus von «Diskurs» und «Institution» nicht oder zumindest viel weniger. Ausdruck davon ist die weit verbreitete Forschungsrichtung Curriculum studies, die innerhalb der American Educational Research Association (AERA) eine eigene Sektion umfasst (Division B). Die Untersektion B–4 ist der Erforschung der Curriculum history gewidmet und war in den vergangenen Jahren Ort grosser historischer und historiographischer Debatten, die weit mehr Aufmerksamkeit erhalten haben als etwa die Diskussionen der Division F der AERA, History and Historiography. Der Stellenwert der Curriculum history ist damit unvergleichbar höher als etwa jener der historischen Lehrplanforschung im kontinentaleuropäischen Raum, nicht zuletzt deswegen, weil unter «Curriculum» weit mehr gefasst wird als was wir unter «Lehrplan» verstehen. Während traditionellerweise unter «Lehrplan» die gouvernale Normierung und Strukturierung von Fächern und Inhalten verstanden und Fragen der Vergleichbarkeit und Wirkung untersucht werden, zielt «Curriculum» auf ein Verständnis von Schule und Schulung, die im Kreuzpunkt unterschiedlichster Interessen, Visionen und Bedingungen entstehen und sich wandeln.
Dank dem Verzicht sowohl auf Trennung von «Idee» und «Institution» als auch auf die Vorstellung, «Institution» allenfalls als Emanation von «Idee» zu verstehen, haben sich die Curriculum studies auch von intellektuellen und epistemologischen Provokationen bereichern lassen können, wie sie von der angelsächsischen Sprachanalyse oder – besonders auffällig – von Foucaults Diskurs- und Machtanalyse ausgingen. Die Vorstellung von «Kind» oder «Kindheit» oder die Visionen von «Citizen» und «Citizenship» gehören zur Curriculum-Forschung genauso wie die Auswahl und Ordnung der Lehrfächer oder Übereinstimmungen einer besonders effektiven Didaktik. Dabei gibt es nicht die angelsächsische Forschung, vielmehr gibt es eine grosse Varianz von Fragestellungen und Epochen, die erforscht werden.
Im Zuge der Internationalisierung der erziehungswissenschaftlichen Diskussion muss ein Blick in andere Forschungstraditionen nicht mehr legitimiert werden. Betont werden muss allenfalls, dass diese Einblicke in andere Traditionen nicht deswegen gemacht werden, um dieselben tel quel zu übernehmen, sondern um den eigenen Forschungs-Horizont zu erkennen und gegebenenfalls zu erweitern. Aus diesem Grund hat sich die Redaktion entschieden, zum ersten Mal einen Gasteditor einzuladen, der in den (diesmal zusammengelegten) Rubriken «Thema» und «Diskussion» den Lesenden einen Ein- und Überblick zur Curriculum history vermittelt. Wir danken Thomas S. Popkewitz (University of Wisconsin-Madison), einem der profiliertesten Vertreter der amerikanischen Curriculum history, für die Zusammenstellung dieser vier Studien, die sowohl die theoretischen Grundlagen sichtbar als auch anhand von Fallstudien die Fruchtbarkeit des Ansatzes anschaulich machen.
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